Jörg Magenau

1.) Im Gästehaus der SISU (Shanghai International Studies University) sind wir ganz oben in der 18. Etage untergebracht. Die Stadt lärmt und brodelt da unten ungedämpft. Nachts könnte man von Meeresbrandung träumen, der Tag ist ein einziges Kreischen, Schreien, Hämmern, Pulsen. Am Haus führt die Strecke der Hochbahn vorbei. Etwas weiter rechts staut sich der Verkehr auf der Stadtautobahn. Das Wummern der Baustellen endet nie. Dabei sind die Straßen jetzt, am Sonntag vormittag, so leer wie nie zuvor. Auch die Autofahrer haben ihre Hupimpulse reduziert. Das Hongkou-Stadion liegt ruhig und friedlich da wie ein in der Sonne dösendes Riesenreptil. Der Himmel ist dunstig und trüb, an den meisten Tagen hängt eine Glocke aus Dunst und Dreck über der Stadt. Der Rest der Welt ist Beton. Hinter allen Häusern stehen noch viel mehr Häuser, und das in alle Himmelsrichtungen. Kein Horizont, nirgends. Das Ende ist nicht zu sehen. Ob es irgendwo, hinter den siebentausend Plattenbauten, so etwas geben könnte wie eine Stadtgrenze? Chinesische Utopie: hinausfahren – und nach Stunden im dichten Verkehr auf ein rot durchgestrichenes gelbes Ortsschild stoßen. Das würde den Raum begreifbar machen und hätte etwas Heimatliches.

2.) Das Zimmer im Hotel der „Communication University of China“ in Nanjing ist wirklich edel: Eine Glasscheibe trennt das Bad vom Zimmer ab, so dass man auch unter Dusche stehend hinausschauen könnte. Viel zu sehen ist dort allerdings nicht. Die Hitze (knapp 40 Grad) ist nur zu ahnen, denn der Raum wird von der Klimaanlage eisgekühlt. Ein Teich ist zu sehen, ein kleiner Pavillon neben dem Parkplatz, wo niemand sitzt. Erkennbare Neuanpflanzungsbemühungen. 10.000 Studenten wohnen und studieren hier draußen, weit außerhalb der Stadt. Der Campus ist fünf Jahre alt und gilt folglich für chinesische Verhältnisse bereits als Altbau. Das Taxi braucht fast eine Stunde bis ins Zentrum. Auf dem Weg vom Bahnhof hierher war von der Stadt nichts zu sehen. Da, wo sie zu vermuten gewesen wäre, tauchte die Straße in einen langen Tunnel ab. Der Verkehr floss nahezu friedlich. Danach vergebliches Warten auf bauliche Verdichtung. Stattdessen: endlose, sehr breite und sehr leere Straßen, die für den Verkehr einer bestimmt schon bald eintreffenden Zukunft vorausgeplant sein müssen. Ampelanlagen regeln den noch nicht vorhandenen Verkehr vorbildlich, indem sie die Sekunden bis zum nächsten Signalwechsel herunterzählen. Neubaugebiete rechts und links, Lagerhallen, Bürogebäude, viel leere Fläche. Es müsste die Hölle sein, hier zum Fußgänger verurteilt zu werden. Am Straßenrand Gartenbaubrigaden, die das Unkraut zupfen. Wie ich später erfuhr, handelt es sich dabei um ehemalige Bauern, deren Dörfer für die schönere Zukunft plattgemacht worden sind. Nun bestellen sie statt ihrer Felder den Campus. Muss ja auch jemand machen.

Im Guest-House der SISU (Shanghai International Studies University) fahren zwei Aufzüge nebeneinander pausenlos von 1 bis 18. Drückt man oben auf den Knopf, dann kommen oft gleich beide Aufzüge, damit der Gast schon ganz oben die Wahl hat, wo er einsteigen soll und sich ein wertvolles Gefühl von Freiheit in ihm befestigt. Unterwegs kann man auf den ausgehängten Fotos den Konferenzsaal und das Restaurant des Hauses betrachten: Ledersessel auf der einen, rot bezogenes Plüsch auf der anderen Seite. Am interessantesten aber ist der Teppich, der jeden Tag ausgetauscht wird, um den aktuellen Wochentag zu verkünden. So bietet schon die Aufzugfahrt erste Orientierung im neuen Tag. Das ist ein schöner, seltsamer Brauch. Aber man muss sich über nichts wundern in einem Land, in dem das Bier aus winzigen Sherrygläsern schlückchenweise genippt wird und die Menschen im Park rückwärts gehen. Wer einmal am Bahnhof in einer Schlange aus tausend Menschen auf ein Taxi gewartet hat, wundert sich sowieso über nichts mehr.

Shanghais Baustellen sind so bodenlos wie die Tagebaugebiete in der Lausitz. Sie fressen sich durch die Stadt und zerstören, was ihnen in die Quere kommt. Häuser, Straßen und ganze Quartiere verschwinden im Abgrund. Die kleinen Gassen mit den kleinen Gemüsehändlern, Imbissbudenbetreibern, Schuhmachern, Zeitschriftenhändlern, Nippesverkäufern sind dann plötzlich weg. Mit ihnen die Menschen, die hier lebten. Vielleicht dürfen sie später einmal die Rolltreppen in den neuen Einkaufscentern putzen. Die Landschaft, die neu entsteht, hat nichts mehr mit dem vorigen Zustand zu tun. Ein gigantischer Umbau vollzieht sich in höchstem Tempo. Warum das so ist, ist schwer zu sagen, vielleicht nur deshalb, weil die Millionen Wanderarbeiter Chinas Arbeit brauchen und der Staat deshalb immer neue Hochhäuser bauen lässt – ein gigantisches Konjunkturprogramm, auch wenn der Wohnraum, der dort entsteht, und die vielen Büros nicht unbedingt gebraucht werden. Auch China steckt in der Wirtschaftskrise. Doch man spricht nicht darüber. Die neuen Straßenzüge sehen aus wie überall auf der Welt. Prada, Armani, Nike und Puma: Alle sind da. Wahrscheinlich ist auch das nur ein Zwischenzustand: flüchtiger Moment einer vorüberrauschenden Gegenwart. Die Stadt ist nichts Festes, sondern ein lärmender, staubender Organismus, der atmet und sich bewegt. Die Richtung lässt sich vorhersagen. Das Ziel ist unbekannt.

Es gibt 1,3 Milliarden Chinesen. 40 Millionen leben im Großraum Shanghai. 10.000 bis 20.000, vielleicht auch mehr, kommen in der Morgenfrühe in den Luxunpark, um sich die in der Nacht angesammelte Ungelenkigkeit aus den Gliedern zu schütteln. Tai Chi-Gruppen versammeln sich auf den Wiesen. Schwertkämpfer beginnen ihre Übungen. Alte Frauen gehen rückwärts, summen vor sich hin und schlagen die Hände abwechselnd vor dem Bauch und hinter dem Rücken zusammen. Wo nur irgend Platz ist, steht einer und macht seine zeitlupenhaften Bewegungen. Tanz ist derzeit groß in Mode. Im Zentrum des Parks, wo auch die Büdchen stehen, die Grüner Tee-Eis verkaufen, absolvieren die Tänzer ihre Kurse zu lauter Musik; der Tanzlehrer gibt die Schrittfolgen vor. Die alten Männer unter den Bäumen, die auf der chinesischen Einsaiten-Geige klagende Lieder spielen, lassen sich dadurch nicht stören. Eine Gruppe Saxophonisten übt ein paar Meter daneben, und etwas weiter, abseits des größten Getümmels, tönt ein Glockenspiel aus verborgenen Lautsprechern, damit auch die Seele etwas zu hören bekommt.

Gleich am Eingang, neben dem Vogelhügel, auf dem sich die Vogelbesitzer treffen, wenn sie die Käfige in die Bäume hängen und dem Gezwitscher lauschen, ist der neu angelegte Turnplatz – eine Errungenschaft des Olympischen Jahres 2008. Auf bunten Geräten mühen sich die Turner ab, dehnen, strecken, drehen und wenden sich, machen Klimmzüge am Reck, schwingen am Barren, beugen den Rumpf und stehen auf den Händen. Es gibt Seilspringer und Seilzieher, Schaukler und Wipper, Drehscheibendreher und Gehmaschinentreter. Turnvater Jahn hätte seine helle Freude darüber, wie dieses Volk die Geräte nutzt. Es ist aber  nicht die frisch-fromm- fröhlich-freie Jugend, die ihren Volkskörper für eine bessere Zukunft stählt. Es sind die Älteren, die an der Selbsterhaltung arbeiten und eine beneidenswerte Beweglichkeit demonstrieren. Zehn Klimmzüge muss man auch mit 70 noch bringen. Eine Dame kommt gar im Rollstuhl vorgefahren, um sich von dort aus ihren Übungen zu unterziehen. Und wenn am Vormittag die Sonne zu heiß geworden ist, dann betreiben sie, was nötig ist, unter Schirmen.

Sie sind überall. Sie lehnen an Hauswänden, liegen auf Vorbauten oder auf Parkbänken um in der Sonne zu trocknen, warten neben Türen wie schüchterne Gäste und stehen griffbereit in den Toiletten. China ist das Land der Besen. Es gibt sie in allen Arten und Ausführungen, von edel bis schlicht, verchromt oder mit Bambusstiel. Weit verbreitet sind feuchte Feudel, mit denen noch die Straßenkanten gereinigt werden. Jeder Fleck ist ein Feind! Kaugummireste und Verfärbungen von Bodenplatten werden akribisch bearbeitet. Am häufigten sind aber die Reisigbesen zu sehen, die man sich notfalls selbst zusammenbinden kann. Auch die offiziellen Straßenkehrer benutzen sie. Straßenkehrer ist ein verbreiteter Beruf, vielleicht deshalb, weil es im Sozialismus keine Arbeitslosen geben soll. Das häufige Vorkommen dieses Berufsstandes ist ein Hinweis darauf, dass es hinter der kapitalistischen Oberfläche der Stadt noch etwas anderes gibt. Die Straßenkehrer sorgen nicht nur für Sauberkeit, sie demonstrieren auch eine umfassende Zuständigkeit und so etwas wie ein Gemeinwohl. In großen Gruppen und uniformiert, wie es sich für echte Ordnungshüter gehört, verrichten sie nicht ohne Stolz ihren Dienst.

Shanghai ist so sauber, wie eine Stadt nur sauber sein kann. Da liegt nichts herum, was nicht noch gebraucht werden würde. Wo etwas herumliegt, handelt es sich um eine der hunderttausend Baustellen, die einzigen natürlichen Feinde der Kehrer-Fraktion. Denn auch die Bauleute und ihr Dreck stehen im Dienst einer neuen Ordung, die täglich zu beweisen ist. In Shanghai stinkt nichts, denn was fault oder verwest, ist immer schon weggeschafft. Auf Transporträdern fahren klingelnd die Rohstoffverwerter herum, die leere Flaschen, Kartons und alle Arten von Plastik sammeln. Müll ist Geld. Kehren ist keine Schande. Eine leere Flasche wurde mir aus der Hand genommen, noch bevor ich mich nach einem Mülleimer umsehen konnte. Denn wozu bräuchte man Mülleimer, wenn die Sauberkeitsbrigaden allgegenwärtig sind? Mülleimer kränken sie in ihrer Berufsehre. Sie könnten so wirken, als traue man ihrer Arbeit nicht. Dazu aber gibt es keine Veranlassung.

Wer aus Shanghai kommt, wird Hangzhou erholsam finden. Wer die Fahrt in der vollgestopften S-Bahn Shanghais überstanden hat, kann den bis auf den letzten Platz gefüllten Zug nach Hangzhou genießen. Draußen rauscht flaches Land vorbei, ein paar Felder, Autobahnen auf hohen Betonstelzen oder Autobahnneubauten auf hohen Betonstelzen, die durch Kräne markiert sind. Dazwischen hin und wieder ein paar malerisch zerfallende Boote auf grün schimmerndem Restgewässer, ein musealer Feldweg und tatsächlich: ein Dorf. Vor allem aber gigantische Neubausiedlungen, fast fertig oder noch im Rohbau oder gerade frisch bezogen. Die Übergänge sind fließend, die Unterschiede zwischen den Betonburgen nicht maßgeblich. Schön ist das Land hier sicher nicht. Aber für Schönheit kann man sich auch nichts kaufen. Neues muss entstehen. Jederzeit. Überall. Wo hört Shanghai eigentlich auf?

Hangzhou ist eine angenehme Stadt ohne größere Sehenswürdigkeiten. Die Häuser sind hoch. Es gibt viele davon. Die Straßen sind breit und oft auch zweistöckig, dafür aber mit viel Grün bestanden – das ist die eigentliche Überraschung. Herumgehen oder gar Flanieren nach europäischer Art ist in Hangzhou nicht vorgesehen – ebensowenig wie in anderen chinesischen Städten. Es ist dafür zu groß, zu unübersichtlich und jetzt im Mai auch schon fast zu heiß.

Aber es gibt auch den West-See mit seinen Inselchen, den drei den Mond spiegelnden Tiefen, Pagoden auf den Höhen und dem winzigen Muse-Pavillion auf einer bewaldeten Anhöhe. An so einem Ort muss Tschuang-tse gesessen haben, als ihm träumte, er sein ein Schmetterling, der träumte, er sei Tschuang-tse. Der West-See wird von Dämmen durchzogen, deren Sinn sich nicht so recht erschließt. Angeblich sind sie gegen Hochwasser, aber warum führen sie dann nicht um den See herum, sondern quer durch ihn hindurch? Sehen so Bauwerke von Taoisten aus, die der Absichtslosigkeit verpflichtet sind?

Mit ihren hochromantisch gebogenen Brückchen eignen die Dämme sich hervorragend für abendliche Spaziergänge und neuzeitlichen Tourismus. Sie sind Treffpunkte für Liebespaare und Handlungsorte für Legenden, in denen es um verzauberte Frösche und Schlangen geht, um Liebende, die sich am Ende dann doch noch kriegen. Aber deshalb wurden wohl kaum vor mehr als tausend Jahren die Menschen geschunden, die daran bauen mussten. Restlos überzeugend sind dagegen die im Hintergrund malerisch platzierten Berge, die auf spezielle chinesische Weise gefältelt wurden. Geheimnisvoll verbergen sie sich im Dunst und schweigen. Das ist etwas sehr Kostbares hierzulande.